Donnerstag, 23. April 2015

Unscharf

Als ich das Treppenhaus runtergehe, treffe ich einen meiner Nachbarn. Ich grüße, denn wir grüßen in diesem Haus, auch wenn wir in der Großstadt wohnen. Vielleicht kennen sich einige der Bewohner sogar.

Ich schaue nicht in die Gesichter, die ich grüße. Es spielt keine Rolle, ob ich das tue.

Wäre ich Mangaka, wären meine Zeichnungen das Langweiligste, was die Welt je gesehen hat. 

Am Bahnhof stehen nur wenig Menschen um die Uhrzeit. Ich erkenne den Mann mit dem Anzug, der immer sehr steif wirkt. Ich sehe die junge Frau mit dem bunten Mantel. Da ist das lockige Mädchen mit dem Rucksack, auf dem Zombies abgebildet sind.

Ich sehe ihre Gesichter nicht.

In der Firma bin ich nicht die erste, aber auch nicht die letzte. Ich grüße den Mann an der Rezeption. Weil es sich gehört, schaue ich ihm dabei in die Augen. Auch den Damen in der Buchhaltung sage ich freundlich Hallo und suche dabei kurz Blickkontakt. 

Es ist höflich, spielt aber keine Rolle.

Ich fahre zu den Kunden. Es sind oft dieselben, manchmal erkenne ich das Gebäude wieder. Die Leute nie. Zum Glück scheint es nur wenige zu stören, wenn ich lächle und sage "Oh, so viele Gesichter jeden Tag".

Die Anzahl spielt für mich keine Rolle.

Ich vergesse Gesichter in dem Moment, in dem ich wegschaue. Sie sind blinde Flecken in meiner Erinnerung.